Geschichte des AJZ

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Herbst 1989

Auf Initiative des Neuen Forums erhielten alle Parteien, Verbände und Bewegungen, welche in Chemnitz tätig waren, im Haus der SEDBezirksleitung Büros, um dort ihre Arbeit aufnehmen zu können. Unter
diesen Gruppen befand sich unter anderem der Revolutionäre Autonome Jugendverband (RAJV).

Aus anderen Verbänden traf sich zur gleichen Zeit eine Gruppe von Leuten regelmäßig im Lesecafé (damals im Hotel Moskau) und gebar die Idee eines selbst verwalteten Jugendzentrums unabhängig von Stadt, Land und Parteien. Gleichzeitig wollten diese Leute ein Wohnprojekt auf einem Bauernhof ins Leben rufen, um eine Einheit von Leben, Arbeit und Kultur zu verwirklichen.

Der RAJV besetzte in der folgenden Zeit ein Haus auf der Rößlerstraße, um eine ähnliche Idee zu realisieren. Daraufhin kommt es zu Kontakten zwischen beiden Gruppen.

Anfang 1990

Als der RAJV kurze Zeit später das Haus auf Druck des VEB Gebäudewirtschaft verlassen muss, kommt es zur Auflösung des Verbandes und zur Zusammenarbeit beider Gruppen. Als neues Objekt wird ein Haus auf der Bergstraße besetzt und ein Verein mit Namen Alternatives Jugendzentrum gegründet.

Nach vielen Verhandlungen und Gesprächen mit der Stadt und der Gebäudewirtschaft scheint ein Nutzungsvertrag in greifbare Nähe gerückt zu sein. Plötzlich schwenkt die Stadt um und eine legale Nutzung des Hauses wird unmöglich.

Das AJZ bezieht ein Büro im Haus der Jugendverbände auf der Carolastraße, arbeitet am Runden Tisch der Jugend mit und wird Gründungsmitglied des Stadtjugendringes.

Herbst 1990

Nach einer nächtlichen Begegnung beim Plakatekleben entsteht ein Kontakt zum 2. Jugendklubleiter der „ApoTheke“, Dirk Bachmann.

Am 7. Oktober 1990 besetzen ca. 30 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 19 Jahren ein Haus auf der Leipziger Straße. Aufgrund der Erfahrungen mit den Besetzungen auf der Rößlerstraße und der Bergstraße fordern die Besetzer diesmal klare Zusagen vonseiten der Stadt bevor über ein Verlassen des Hauses geredet werden kann. Es folgen „Schikanen“ wie Strom und Wasser abstellen, welche kurz darauf wieder rückgängig gemacht werden, Zusicherungen von seitens der Stadt das nicht geräumt wird und anderes.

Der Sicherheitsdezernent Herr Brehm klärt das Problem auf seine Weise. Er lässt das Haus von einer SEK- Einheit und 200 weiteren Polizisten stürmen. Die ca. zehn anwesenden Jugendlichen werden mit Maschinenpistolen bedroht und abtransportiert. Alter zwischen 14 und 18 Jahre! Eine spontane Demonstration von 30 Sympathisanten vor dem Rathaus wird mit einem Polizeihubschrauber im Schach gehalten.

Dirk Bachmann beschließt auf eigene Initiative hin, den Besetzern den Jugendklub ApoTheke als Treffpunkt anzubieten. Dort treffen sie auf Leute vom AJZ und beschließen den Verein neu zu beleben. Die Stadt legt eine Liste von zehn Häusern vor, in denen sich ein Jugendzentrum verwirklichen ließe. Nach der Besichtigung der infrage kommenden Objekte entscheidet sich das AJZ für das Haus auf der Chemnitztalstraße 111. Ein Sanierungskonzept wird erstellt. Plötzlich taucht ein Reprivatisierungsantrag auf und ein Verhandlungsmarathon beginnt.

Winter 1990

Ein Teil der Jugendlichen sieht keine Chance mehr ein Haus auf dem Verhandlungsweg zu bekommen und besetzt ein Objekt auf der Limbacher Straße. Die Stadt hält sich diesmal zurück und betraut Dirk Bachmann mit der Betreuung der Besetzer.

Das AJZ spaltet sich in zwei Teile. Die einen sind für und die anderen gegen die Besetzung und man geht getrennte Wege. Trotzdem ist das AJZ bereit, die Verantwortung für dieses Haus zu übernehmen, damit die Besetzer nicht jede Unterstützung verlieren. Daraufhin erklärt sich die Stadt bereit, das Haus nicht zu räumen.

Anfang 1991

Die Limbacher Straße wird mehrere Male von Rechtsradikalen angegriffen. Da die Polizei nicht Herr der Lage ist wird zur Selbstverteidigung übergegangen. Dies hat Erfolg und die Bewohner des Hauses haben eine Weile Ruhe und beginnen mit dem Ausbau des Hauses. Es entstehen Wohnungen und ein Kellercafé.

Sommer 1991

Erneut gibt es Überfälle durch Rechtsradikale. Fast jedes Wochenende wird das Haus angegriffen. Die Polizei macht den Jugendlichen das Angebot das Haus für zwei Wochen zu verlassen und in der Zwischenzeit die Lage zu bereinigen. Das Ergebnis: Nach zwei Tagen dringen Rechtsradikale in das Haus ein und legen Feuer. Das Haus brennt aus.

Das AJZ wird gemeinnützig und freier Träger der Jugend und Sozialarbeit, organisiert inzwischen Veranstaltungen, unter anderem ein Open Air Festival im „Artuhr“ mit 11 Bands, die Medienwerkstatt dreht ihren ersten Dokumentarfilm über die Besetzung der Leipziger Straße und der Verein stellt drei Leute auf ABM-Basis ein, die mit der Entrümpelung der Chemnitztalstraße 111 beginnen. Für das Bauernhofprojekt wird ein Objekt im Flemminggebiet gefunden, welches aber wiederum wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse und zu hoher Sanierungskosten nicht zustande kommt. Durch Kontakte mit „Arbeit und Leben Bayern e.V.“ entsteht das Projekt „Hörfunkwerkstatt“. Ziel dieses Projektes ist der Aufbau und Betrieb eines freien Radiosenders in Chemnitz. Da auf absehbare Zeit keine Sendelizenz zu bekommen ist werden sogenannte Trockensendungen in der ApoTheke veranstaltet. Aus diesem Projekt entwickelt sich später der Radio T e.V.

Aufgrund von Unstimmigkeiten mit der Klubleiterin der ApoTheke verläßt das AJZ diese und zieht ins Haus der Jugend auf der Weststraße 13 in ein 15 Quadratmeter großes Büro. Der Verein Verfügt mittlerweile über 8 Angestellte auf ABM-Basis und über Mittel die zur Anschaffung dringend benötigter Ausrüstung verwendet werden. Zeitweise arbeiten bis zu 15 Personen gleichzeitig in diesem Büro an der konzeptionellen Vorbereitung des Jugendzentrums. Aufgrund der unhaltbaren räumlichen Zustände bekommt das AJZ zusätzlich ein größeres Büro, welches die theoretische Arbeit zwar erleichtert aber kein eigenes Haus ersetzt. Um trotzdem aktiv zu werden organisiert die Medienwerkstatt die ersten Chemnitzer Filmund Videotage in Chemnitz in Zusammenarbeit mit dem Clubkino Siegmar. Für die Sanierung des zukünftigen Hauses wird ein Projekt „Arbeit und Lernen“ gegründet. Aus diesem AJZ-Projekt entsteht später der Verein „Selbsthilfe 91 e.V.“

Weihnachten 1991 startet das AJZ eine spektakuläre Aktion auf der Zentralhaltestelle. Es werden Dutzende von Fernsehgeräten verteilt, ein Weihnachtsmannbüro auf der Haltestellenüberdachung der Linie 5 eingerichtet und unter dem Motto „Schlaf Rathaus Schlaf“ befragen 10 Weihnachtsmänner, die mit einem T-Shirt „Ich bin ein Ausländer“ bekleidet sind, die Bürger nach ihren Sorgen und Problemen.

1992

Da sich die Verhandlungen um die Chemnitztalstraße weiter hinziehen wird nach einem Ausweichobjekt Ausschau gehalten in dem wenigstens Konzertveranstaltungen durchgeführt werden können. Vom Kulturamt der Stadt wird das AJZ auf die Chemnitztalstraße 54 aufmerksam gemacht. Dort werden in der Folgezeit mehrere Konzerte veranstaltet. In der Medienszene von Chemnitz kommt es zu einer Übereinkunft das in der Medienwerkstatt des AJZ eine Konzentrierung auf Videoarbeit erfolgen soll und deshalb für die Filmarbeit eine eigener Verein gegründet wird. Die Medienwerkstatt des AJZ gibt sich den Namen M 54 und wird Mitbegründer des Chemnitzer Filmwerkstatt e.V.

Noch immer ist das AJZ allerdings ohne ein festes Haus und die Stimmung innerhalb des Vereins erreicht einen kritischen Punkt. Als die Stadt kurzfristig einen Mietvertrag für ein Konzert in der Chemnitztalstraße 54 kündigt, ist das Faß am überlaufen. Das Konzert wird in die Fabrik auf der Alfredstraße verlegt und eine Woche später, die Stadt hat das nächste Konzert in der Chemnitztalstraße 54 genehmigt, erklärt das AJZ die Kulturbesetzung des Objektes. Das AJZ hat sein eigenes Haus!

Es folgen langwierige und konfliktreiche Verhandlungen mit der Stadt in deren Verlauf der Sozialdezernent Herr Fittig für die Sache des AJZ e.V. Stellung bezieht und ein Verbleiben des Vereins im Objekt Chemnitztalstraße 54 mit ermöglicht. Das AJZ erhält darauf einen Mietvertrag der Monat für Monat verlängert wird. Auf längere Sicht wird ein Erbpachtvertrag angestrebt. Das AJZ übernimmt die bühnentechnische Absicherung des „Ersten Chemnitzer Gesundheitstages“. Zur Interkulturellen Woche organisiert das AJZ die Eröffnungsveranstaltung im Schauspielhaus. Im Sommer 1992 wird ein Jugendaustausch mit der Türkei veranstaltet. Eine Gruppe Chemnitzer reist für zwei Wochen in die Türkei und einige Zeit darauf erfolgt der Gegenbesuch von türkischen Jugendlichen.

Im Herbst beginnt die Medienwerkstatt im Rahmen eines Schülerprojektes des Gauß-Gymnasiums mit der Verfilmung des Stückes „Antigone“. Nach über einem halben Jahr Dreharbeiten wird der Film im Frühjahr 1993 fertiggestellt. Kurz zuvor startet in der Kolonnade der Kinobetrieb und das Spielzimmer wird eröffnet.

Im Herbst 1992 erfolgt der erste Überfall Rechtsradikaler auf das AJZ in der Chemnitztalstraße 54. Dabei wird das Kino in der Kolonnade vollständig zerstört. Es folgt eine unglaubliche Welle der Sympathie und Unterstützung. Binnen 72 Stunden wird das Kino komplett neu errichtet und ein eigenes Kinocafé aufgebaut. Die Medienwerkstatt besteht nun aus über 20 Leuten.

1993

Der Kampf um einen Erbpachtvertrag geht weiter. In der ehemaligen Besuchergarderobe im Haupthaus wird das Hard-Core-Café eröffnet. Der Film „Antigone“ wird uraufgeführt. Inzwischen beginnen die Sanierungsarbeiten am Haus. Der kleine Saal wird ausgebaut und der große Saal umgestaltet. Viele Veranstaltungen folgen. Das Spielmobil ist im täglichen Einsatz.

1994

Tiefgreifende Strukturreform im Verein. Viele Gründungsmitglieder verlassen den Verein und neue kommen hinzu. Das AJZ-Talschock als Konzertveranstalter beginnt sich Europaweit zu etablieren. Besucherrekorde lösen einander ab und das AJZ wird der Veranstaltungsort für HardCore und Punk-Konzerte.

1995

Die Sanierungsarbeiten gehen weiter. Die Kolonnade wird umgebaut und erhält ihr heutiges Aussehen. Das Zeitungsprojekt „Deutsches Neuland“ startet und der rechte Teil der Kolonnade wird zum „Talschock-light“ umfunktioniert, um während der Sanierungsarbeiten im großen Saal den Konzertbetrieb aufrecht.erhalten zu können. Der ehemalige Projektleiter der Musikwerkstatt, Mike Schorler, verläßt das AJZ und gründet mit Freunden die Konzertagentur „in move GbR“. Am 19. Mai nimmt das Kino Kolonnade nach vollendeter Rekonstruktion mit „flüstern & SCHREIEN“ wieder den Spielbetrieb auf. Das Projekt Jugendgerichtshilfe nimmt seine Arbeit auf und in der Voigtstraße wird das Projekt „Begleitetes Wohnen“ eingerichtet. Die Kreativwerkstatt wird eröffnet.

1996

Am 24. Februar öffnete der große Saal nach erfolgtem Umbau wieder seine Pforten zum Shelter-Konzert. In Kooperation mit dem Domizil e.V. wird das Streetworkerprojekt „Mobile Jugendarbeit Innenstadt“ ins Leben gerufen. Die Medienwerkstatt M 54 erhält für einen Kurzfilm auf der Medienzille Radebeul den 2. Platz.

1997 – 2001

Der ehrenamtliche Bereich bricht im AJZ fast vollständig weg. Neben dem sozialpädagogischen Angeboten im Haus kann sich nur noch das Kino halten. Konzerte finden nur noch selten und fast ausschließlich als Einmietung statt.

Im Januar 1998 wird im Vorderteil des Hauses die Buchhandlung „Anna Blume“ eröffnet, die auch als Infoladen dient.

Ende 1999 finden wieder mehr Leute den Weg ins AJZ, um das Angebot des Hauses mitzubestimmen. Es kommt zur Neugründung der noch heute bestehenden Konzertgruppe und zu ersten wieder selbst organisierten Konzerten.

Zum zehnjährigen Bestehen des Vereines wird im vorderen Teil des Hauses durch die Medienwerkstatt das Mediencafé m54 eröffnet, welches mehrere Computerarbeitsplätze für den Zugriff auf das Internet und für das Schreiben und Gestalten von Texten etc. anbietet.

Am 12. Mai 2001 findet im großen Saal (Talschock) das Eröffnungskonzert der Kampange „Good Night White Pride“ (heute „Lets Fight White Pride“) statt – als Reaktion auf die versuchte Vereinnahmung von Hardcore-Konzerten durch Neonazis.

2002

Während des Hochwassers 2002 war auch das AJZ betroffen. Durch den steigenden Grundwasserpegel drang Wasser in den Keller des Hauses ein und überflutete den Heizungsraum, die Holz- und Metallwerkstätten, Bandprobenräume und Lagerräume. Neben den Wasserschäden am Gebäude kam es zum kompletten Ausfall der Heizung und der Kraftstromversorgung. Die komplette technische Ausstattung der Räume ware nicht mehr zu verwenden. Die Unterstützung durch Spender ermöglichte jedoch die Beseitigung der erheblichsten Schäden, so dass das AJZ den Winter überstand.

Die angespannte finanzielle Situation des Hauses und Mittelstreichungen führten im Sommer zu zahlreichen Demonstrationen und Aktionen in der Innenstadt.

Im Sommer unterstützte das AJZ die Gründung der antirassistische Schülerinitiative „Pinien & Zypressen“ und begleitete diese zwei Jahre bei ihrer Arbeit (siehe „Deutsches Neuland“ Nr. 14).

Im September lief vorerst zum letzten mal ein Film in der Kolonnade. Wenige Tage später wurde der Kinobetrieb im Mediencafé m54 aufgenommen, welches sich seitdem mit dem Namen Kinocafé schmücken darf.

2003

Als Neonaziführer Christian Worch in Chemnitz eine Demonstration gegen die in der Stadt gastierende Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ angemeldet hat, organisiert das AJZ Gegenaktivitäten zum Naziaufmarsch. Die Nazis erleiden im Schneeballhagel eine „stalingradeske“ Niederlage.

Wie schon so oft ist auch das Jahr 2003 geprägt von Demonstrationen und Aktionen zum Erhalt des AJZ. Ende des Jahres wird die Kürzung des Spielmobils seitens der Stadt bekanntgegeben. Ab 2004 wird dieses ehrenamtlich weitergeführt.